Rotes Tuch auf Landeflug 

Der Tandemsprung der „alten Dame“ mit dem roten Tuch aus 3000 Metern Höhe aus dem Hubschrauber überm Campingplatz Grönwohld am 7.August 2004 war genau genommen die zum Ereignis gewordene Schnapsidee von Markus F., begleitet von seinem schallenden Gelächter, als Hubi, der Kneipenwirt vom Utgard das Eröffnungsprogramm des Campingplatzes G. vorstellte, welches Rundflüge mit dem Hubschrauber und Tandemsprünge enthielt. Das muss Ende Mai/Anfang Juni gewesen sein. Das Ereignis als bevorstehendes hat mich nicht sehr beschäftigt, obwohl es in meiner Zeitrechnung ein „Davor“ und ein „Danach“ gab. Wenn Freunde von Mut sprachen, war das aus meiner Sicht nicht richtig: Es gehört kein Mut dazu etwas zu tun, wovor man keine Angst hat. Oder doch, etwas, verdrängt, als Neugierde getarnt: Die Nächte davor hab ich schlecht geträumt und bin schweißnass aufgewacht – ich hab beides der sommerlichen Hitze zugeschrieben. Ein Gedanke beim Aufwachen am 7.August: Morgen um diese Zeit ist das jetzt noch unvorstellbare Geschehen beschreibbare Erinnerung. Nach dem Aufstehen lasse ich alle geplanten Schritte ablaufen wie ein Uhrwerk, ich stehe nur noch daneben und kontrolliere, ob die ausführende Marianne ordnungsgemäß das tut, was die andere Marianne am Tag vorher festgelegt hat, bis zum Einhalten des verabredeten Zeitpunkts: Der Abfahrt zum Campingplatz. Da endet mein Programm.

Der Hubschrauber kommt, landet, macht Krach, nimmt Touristen mit für 30 Euro pro Person (immer 6 pro Flug), kommt nach 10 Minuten zurück, nimmt wieder 6 Touristen mit, hebt ab – die lärmlose Zeit dazwischen ist wohltuend. Hinter der Absperrung für Zuschauer steht ein Mann. Nicht mehr ganz jung, in einem roten Overall, kreuz und quer mit stabilen Haltegurten versehen, sehr ruhig, er wartet: Er will auch springen, er ist vor mir dran. Als er zum Hubschrauber geht, sehe ich mich auch gehen – da ist mir zum ersten Mal etwas mulmig. Seine Rückkehr nach der Landung mit dem Fallschirm auf der Wiese vor uns ist ausgesprochen beruhigend: Er strahlt übers ganze Gesicht. Irgendwann kriege auch ich einen roten Overall verpasst, ich erfahre, wozu die Gurte gut sind und absolviere einen „Trockenkurs“ als Bodenübung im Fallschirmspringen. Dabei erweist sich mein Tandempartner als sehr souverän, er schafft es, der für die Situation erforderlichen sehr engen körperlichen Nähe die Zweideutigkeit zu nehmen, obwohl oder weil er seine Witzchen drüber macht.

Den Gang zum Hubschrauber kenne ich vom Zuschauen, alles Weitere nicht. Es werden drei springen: Zwei im Doppelpack und einer allein. Einer sitzt zwischen den Beinen des Anderen, ich in der Mitte, es ist eng, vor uns sie offene Luke. Den 10-Minuten Rundflug über Eckernförde finde ich völlig überflüssig, ich will’s jetzt hinter mich bringen. Der vor mir springt, er ist  weg, ich soll jetzt hinaustreten auf das schmale Trittbrett – das ist Wahnsinn, scheint mir, der nächste Schritt geht dann – geplant – ins Leere. Es ist kein Sprung. Der gewohnte „Boden unter den Füßen“ ist weit weg, noch nie war ich von soviel Raum umgeben, Fallen ist angenehm, ein erhebendes Gefühl, ich spüre nur den „Fahrtwind“ im Gesicht, breite die Arme aus, neben mir erscheint ganz nah der erste Springer, schwebend mit ausgebreiteten Armen, nur für Sekunden. Der Boden kommt kaum merklich näher, nach kurzer Zeit (später sagt man mir 40 Sekunden) gibt es einen heftigen Ruck: Der Schirm ist jetzt offen. Ab diesem Zeitpunkt kann – außer einem Malheur bei der Landung – normalerweise nicht mehr viel passieren, der Rest ist wie ein gemütlicher Spaziergang, wobei man sich sogar unterhalten kann. Für mich ist es der Punkt, der meinem „Höhenflug“ erst seinen Sinn gibt: Mein Partner Jörg hinter mir zieht aus seinem Overall das sorgsam zusammengefaltete 20 Meter lange Tuch hervor und entlässt es langsam in den Wind: Ein langer roter Strich schwebt jetzt waagrecht hinter uns her, Landart in der Luft (?) - ich kann es nicht sehen, erst etwas später in Bodennähe als Schatten auf einem Acker. Ich glaube, es sieht schön aus. Wie abgesprochen ziehe ich kurz vor dem Landen die Knie hoch, wir werden ein paar Meter vom Fallschirm über den Boden gezogen und sind heil wieder unten.

Dann scheint sich in der Tat auch bei mir zu bewahrheiten, was Tandempartner Jörg über seine Mitspringer gesagt hat: „Es ist herrlich, wenn der Sprung vorbei ist, haben die Leute ein 360-Grad-Grinsen im Gesicht.“

Allerdings habe ich mich gewundert über die entsetzten Gesichter meiner Freunde am Boden, ich habe erst später wahrgenommen, dass der vor mir abgesprungene junge Mann sich bei der Landung ziemlich übel verletzt hatte.

  

Kunst überm Campingplatz

Viel los auf dem Campingplatz Gröhnwohld: Hubschrauberrundflüge, Fallschirmsprünge, Musik und Unterhaltung. Höhepunkt war zweifellos der Tandemsprung der Eckernförder Künstlerin Marianne Tralau.


Gröhnwohld
fst


Für kleines Geld konnten die Besucher des Campingplatzes Gröhnwohld den Himmel über Eckernförde erkunden. Im Zehn-Minuten-Takt konnten Erwachsene und Kinder mit einem Hubschrauber einen Rundflug erleben. Am Steuerknüppel des Helikopters „Modell Eichhörnchen“ saß der erfahrene Pilot Torben Koopmann von der KMN Helicopter GMBH aus Sommerland bei Elmshorn. Mit ihm stiegen auch, als besondere Attraktion, die Fallschirmspringer in den wolkenlosen Himmel. Bei 3000 Meter Höhe hieß es dann „exit“ und die bunten Gleitschirme schwebten punktegenau bis zur Pferdewiese beim Grönwohlder Campingplatz. Für mutige Besucher des Festes, bei dem außer Essen und Trinken noch Musik und Unterhaltung angesagt war, bestand auch die Möglichkeit, als Tandempartner mit dem Fallschirm selbst abzuspringen. Der 53jährige Rolf Bergmann nutzte die Gelegenheit und ließ sich den freien Fall und eine sichere Schirmlandung von seiner Familie zum Geburtstag schenken. Minuten nach der Landung winkte er begeistert: „Das war richtig super, ich würde sofort wieder springen“ so der Kommentar des schon in vielen Abenteuerbereichen erfahrenen Sportfreundes.

Marianne Tralau, fast 70jährige Künstlerin und Galeristin, hatte sich auch zum Ausstieg aus dem Helicopter entschlossen: “Matthias Huber, der Veranstalter des Spektakels, erzählte mit von der Möglichkeit und ich war schnell begeistert.“ Nicht nur dem persönlichen Nervenkitzel sollte der Fallversuch dienen, sondern auch der Kunst. Mit einem zwanzig Meter langen roten Tuch wollte sie einen deutlichen Kunstpunkt setzen. An den verschiedensten Orten der Welt hatte sie bereits ihre Landartaktionen mit roten Tüchern durchgeführt, den Himmel aber noch nicht damit erobert. Ihren Flugpartner, den erfahrenen Tandemspringer Jörg Vettereck, kann das nicht abschrecken. 1600 Sprünge Erfahrung und über 600 Tandemsprünge machen sicher. „Die Sicherheit geht vor“ so sein Grundsatz, und so wurde Marianne Tralau, nachdem sie in einen Springeranzug mit Brille und Fliegermütze verpackt war, erstmal gründlich in Technik und Springverhalten eingewiesen. Für das rote Tuch fand Vettereck auch bald eine praktikable Lösung. Ein bisschen mulmig war es der mutigen Künstlerin schon, als sie sich in 3000 Meter Höhe an die offene Tür setzen sollte. „Auf drei geht es los“ und schon näherte sich 40 Sekunden im freien Fall die Erde wieder. „Mit einem heftigen Ruck öffnete sich der große Tandemschirm und langsam segelten wir durch die Lüfte. Ein königliches Gefühl“ so die Erinnerung der sichtbar stolzen Luftkünstlerin. Wie eine lange Schlange folgte das Tuch dem Springerdoppelpack, begeistert vom Publikum beklatscht. Die gekonnte Landung war für Jörg Vettereck nur Routine. „Es ist herrlich, wenn der Sprung vorbei ist, haben die Leute ein 360 Grad Grinsen im Gesicht“ kommentiert er schelmisch die leuchtenden Augen seiner Begleiterin. Und die Aktion mit dem roten Tuch hat ihm auch Spaß gemacht. „Das können wir jederzeit und überall wiederholen“ verabschiedet er sich von seiner ungewöhnlichen Sprungpartnerin.
Weitere Infos im Internet: Tandemsprünge: http://www.yuu-skydive.de/  Marianne Tralau und das rote Tuch: www.tralau.com

  
  
  

 

 

 

*alle Bilder vergrößern sich, wenn man sie anklickt!
 

AktuellStartseiteFSTB MüseÜmObjekteProjekteProvinzartBloggZeichnungenCreative Commons-Lizenzvertrag
Dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert
Impressum
X  X      X